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Ein subjektiver Konferenzbericht – Social Work Action Network, Liverpool 30.-31.03.2012, UK – “Cuts, crisis and resistance, building alliances in Social Work and Social Care”

Selbst Mitglied in einem Arbeitskreis „kritische Soziale Arbeit“,  hat mich zur Konferenzteilnahme die Überlegung bewogen, wie sich in anderen Ländern „kritische“ SozialarbeiterInnen organisieren und mit welchen Inhalten sie sich beschäftigen.

In vielerlei Hinsicht bin ich unvorbereitet gewesen. Das Thema „Soziale Arbeit in Großbritannien“ war mir bisher recht fremd, nur vereinzelt hatten mir Rückkehrer von „Jacaranda[1] berichtet bzw. hatte ich mich zeitweise mit den Kindertransporten auseinandergesetzt, in dessen Rahmen 1938/1939 über 10.000 jüdische Kinder ohne Eltern nach Großbritannien fliehen konnten (hierbei gibt es viele Aspekte, die an die Debatten um sog. „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ erinnern) .

Liverpool selbst hat eine bewegende Geschichte. Einst führende „Welthandelsstadt“ (zeitweise lief 40 % des Welthandels über Liverpool, auch für den transatlantischen Sklavenhandel war die Stadt von großer Bedeutung: bis Ende des 17. Jahrhunderts war eins von vier Schiffen, das in See stach, ein Sklaventransport), sank die Einwohnerzahl im Zuge der industriellen Krise  rapide (1930 850.000 -> 1985: 460.000). In der Stadt hatte es immer wieder prägende Auseinandersetzungen gegeben (Streiks der „Dockers“; soziale Unruhen wie Toxteth 1981; Unruhen 2011; massive Auseinandersetzungen der Stadt mit Thatcher[2]), die auch Inhale einiger Museen sind, die sich mit der Stadtgeschichte beschäftigen.

Zur Konferenz hatten sich ca. 450 TeilnehmerInnen eingefunden: Lehrende, Studierende und PraktikerInnen aus unterschiedlichsten Regionen des Landes und insgesamt über sieben verschiedenen Ländern.

Nach einer Begrüßung von Michael Lavalette (Vorstandsvorsitzender von SWAN, u.a. Hrsg. von „Radical Social Work Today: Social Work at the Crossroads“) hielt Prof. Danny Dorling (University of Sheffield) einen Einführungsvortrag. Dorling hat mehrere Fachbücher zum Thema Ungerechtigkeit publiziert, dessen Struktur mitunter stark an Wilkinson & Pickett´s The Spirit Level: Why More Equal Societies Almost Always Do Better …angelehnt sind und mit denen er auch in Austausch ist. Eindrücklich wurde von der Makroebene ausgehend (statistisch) dargestellt, welche Auswirkungen soziale Ungerechtigkeit auf die britische Gesellschaft hat (so differiert z.B. nach Stadtteil die durchschnittliche Lebenserwartung im britischen Sheffield um bis zu 15 Jahre).

Es folgten kurze Inputs zum Themenfeld: What Happened to Anti-Racist Social Work?”, mit der Feststellung, dass Rassismus als Thema in den Hintergrund gerückt ist und auch die Rechtsextremen (insbesondere der faschistischen British National Party) wohl  aktuell sehr präsent sind und ein aggressives Vorgehen aufweisen.

Für den Nachmittag entschied ich mich für den Workshop: Dale Farm’, Traveller Communities and Social Work. Nach einer Erläuterung der Unterscheidung zwischen „Irish Traveller“, „Scottish Traveller“ und Roma, ging es hauptsächlich um die Ereignisse rund um einen seit ca. 1970 existierenden Stellplatz – der sog. „Dale Farm“- die 2012 gewaltsam für £18 Millionen (^= ca. 21 Mio. €) von der Polizei geräumt worden ist. Für einen Bruchteil der Summe wäre wohl als Lösung der Kaufes des Grundstückes möglich gewesen. Durch die Räumung sind ca. 1000 Irish Traveller vertrieben und ihres sozialen Umfeldes entrissen worden.

Im Beitrag  ging es schließlich um Soziale Arbeit mit Travellern, sowie um die Diskriminierung der Traveller und Roma die – so scheint mir – der Diskriminierung der Sinti in Roma in Deutschland sehr ähnelt.  Zahlreiche Beispiele medialer (z.B. Dokuserie: Big Fat Gypsy Weddings), institutioneller und „privater“ Diskriminierung bzw. Hetze wurden benannt. Alles in allem scheinen die Communities eher schlecht organisiert zu sein. Plädiert wurde für einen Einsatz für das Recht auf Wohnen (egal ob Wohnwagen/Wohnhaus die nur eine kulturelle Variante des Bedürfnisses nach Sicherheit  gesehen werden können). Dargestellt wurden auch positive Aspekte der Communities. Für die Soziale Arbeit sei es von Bedeutung schon im Kleinen zu versuchen Diskriminierung entgegenzuwirken und sich Bündnispartner auch in den Verwaltungen zu suchen. Es wurde noch einmal festgehalten, dass Soziale Arbeit mit Travellern natürlich keine speziellen Kompetenzen erfordert – wichtig sei einfach nur die Haltung so wie Grundkompetenzen die als SozialarbeiterIn so oder so notwendig sind (wenn ich mich recht erinnere wurden Begriffe wie Empathie, Beratungskompetenzen etc. genannt)

Eine Sozialarbeitsstudentin aus dem Publikum verwies auf ihren eigenen Romahintergrund – aufgrund der gesellschaftlichen Diskriminierung beschloss ihr Großvater das Identitätsmerkmal offiziell zu abzulegen, und erst sie (-quasi in der 2. Generation-), beschäftigt sich wieder mit dieser Thematik.

Am Folgetag berichteten – nach der jährlichen Jahreshauptversammlung –  unter dem Titel „Social Work and the Struggle for Social Justice in an International Context“ ausländische TeilnehmerInnen auf dem Podium von aktuellen Entwicklungen und besonderen Debatten in der Sozialen Arbeit in ihren Heimatländern (Irland, Ungarn, Slowenien). Besonders eindrucksvoll war der Bericht aus Slowenien, hier kam es zu einer Vernetzung von SozialarbeiterInnen und der Occupy-Bewegung. Der Bericht aus Ungarn beschrieb die mitunter desaströsen Entwicklungen mit denen Sozialarbeitende (zumindest diejenigen, die die Entwicklungen kritisch sehen) zu kämpfen haben: Militante Verfolgung der Roma, Erstarken rechtsextremer Strukturen inkl. Milizen, restriktive Gesetze (krasse Kriminalisierung der Wohnungslosigkeit) die u.a. dazu führen, dass auch einzelne kritische SozialarbeiterInnen von Repressionen und gerichtlichen Verurteilungen betroffen sind (z.B. wg. Aufrufs zu einer Demonstration gegen das Wohnungslosengesetz[3]).

Am Nachmittag ging es in den besuchten Workshops (die Wahl fiel alles andere als leicht..) um “radical case-work” im aktuellen Griechenland, um  “Reconciling radicalism, relationship and role: priorities for social work with adults“, um „Civil Disobedience and lessons for the social work profession: undocumented migrant workers”, bei dem es um Hungerstreiks und Widerstand von Illegalisierten und Flüchtlingen in Griechenland ging. Nach dem Besuch eines Workshop mit dem Titel „Possibilities of human right´s based interventions in Social Work” folgten die abschließenden Reden von SWAN und unterschiedlichen Bündnissen.

Fazit und persönliche Einschätzung:

Interessant erscheint mir folgender Aspekt: Wie mir mitgeteilt worden ist, ist „Social Work“ in GB sehr „sozialarbeitsorientiert“ und beinhaltet kaum sozialpädagogische Themen. Jugendhilfe wird oft von Personen ausgeführt die keine Fachkräfte sind und würden als einen Bereich gesehen werden, in dem man immer arbeiten könne, wenn man nichts anderes finden würde. Zumeist würde nur die Steuerung von Fachkräften ausgeführt werden. Eine ganz neue Tendenz sei die Einführung von Sozialpädagogik-Studiengängen, die sich von „Social Work“ auseinanderentwickelt. Es findet also scheinbar eine zu Deutschland entgegengestellte Entwicklung statt (die natürlich auf die Historie und die unterschiedliche Ausgangslage zurückzuführen ist).

Grundsätzlich ist zu ergänzen, dass die Konferenzbeiträge trotz (teils fundamentaler) Gesellschaftskritik, nicht ausschließlich auf die „Makroebene“ konzentriert haben, sondern auch die Mikroebene mehrheitlich berücksichtigt – mit der Feststellung, dass auch  eine „radikale“ bzw. „kritische Soziale Arbeit“ möglich ist („Another Social Work is possible“).

Bemerkenswert fand ich, dass nicht nur Professoren sondern gleichberechtigt Praktiker und Studierende mit Beiträgen zu Wort kamen.

Alles in allem herrschte eine ähnliche Atmosphäre wie bei der „Einmischen“-Arbeitstagung kritischer Sozialer Arbeit 2011 in Berlin. Der größte Unterschied ist möglicherweise, dass in GB kritische Strukturen bereits stärker etabliert sind, wie auch an der hohen TeilnehmerInnenzahl zu sehen ist (450 – die Tagung war bereits Wochen zuvor ausgebucht). Auf die Frage wie viele Sozialarbeitende im SWAN organisiert sind, habe ich bisher keine Antwort finden können.

Zusammenfassend kann durchaus der Eindruck gewonnen werden, dass europaweit eine neue Strömung Sozialer Arbeit im Entstehen begriffen ist oder z.T. schon entstanden ist.

SWAN setzt sich zunehmend für eine internationalistische Arbeit ein. Dies beinhaltet das aktive „Stellung-Nehmen/Positionieren“ bei Skandalen sowie Repressionen gegenüber kritischer/radikaler Sozialer und hätte in der Vergangenheit wohl auch mitunter erfolgreich Wirkung gezeigt. SWAN hat in unterschiedlichen Ländern (Japan, Ungarn, Irland etc.) Mitglieder und Strukturen.

Wünschenswert wäre ein häufigerer Blick in „Soziale Arbeit“ der Nachbarländer – es gibt viele Ähnlichkeiten und wir können sicherlich viel voneinander lernen.

N.G.



[1] Jacaranda ist eine britische Anwerbeagentur für ausländische und somit auch deutsche SozialarbeiterInnen

[2] Aufgrund von Konflikten schaffte Thatcher schließlich sogar das Stadtparlament ab

Großbritannien – Social Work Action Network

Interessant ist auch der Blick was in anderen Ländern im Themenfeld „kritische Soziale Arbeit“ (engl. eher „radical social work“) passiert. In Großbritannien existiert das „Social Work Action Network“ (SWAN) in dem SozialarbeiterInnen sich organisieren. Das Netzwerk kooperiert mit Gewerkschaften. Die  Lage der Sozialen Arbeit dürfte z.T. sehr ähnlich sein und könnte (Ähnlichkeiten betreffend) vielleicht mit folgenden Schlagworten umschrieben werden:
„Managerialism“, „consumers“ statt „clients“, „Skandale“ um verstorbene Kinder („Baby P“), Personalisierung und Budgetisierung von „Dienstleistungen“, zunehmende Privatisierungen um sozialen Bereich, Kürzungen (vermutlich wesentlich massiver als in Deutschland),  Ausrichtung der Sozialen Arbeit nach „Disziplinierung und Kontrolle“ als Problemlösungsstrategie (da Soziale Probleme individualisiert werden, vgl. z.B. „Die Unruhen in den britischen Städten gingen von antisozialen Menschen aus“:  http://www.heise.de/tp/artikel/35/35881/1.html).
Doch auch in Deutschland tut sich Einiges. In immer mehr Städten existieren Arbeitskreise kritischer Sozialer Arbeit und auch das unabhängige Forum ist sehr aktiv vgl. z.B. http://sozialearbeit.einmischen.info/

Ein Blick auf die Mitgliedssatzung des Netzwerkes (mehr unter http://www.socialworkfuture.org/) verrät ein wenig über Struktur und Inhalt:
1. SWAN – What we stand for.

The Social Work Action Network (SWAN) is a radical, campaigning organisation of social work and social care practitioners, students, service users, carers and academics, united by our concern that social work practice is being undermined by managerialism and marketisation, by the stigmatisation of service users and by welfare cuts and restrictions. While recognizing that social work is one of the mechanisms through which the State controls the behaviours of poor families, we believe nevertheless that social work is a valuable activity which can help people address the problems and difficulties in their lives. Many of these difficulties are rooted in the inequalities and oppressions of the modern world and good social work necessarily involves confronting the structural and public causes of so many private ills.
2. Aims and Objectives.

i) To promote a model of social work practice which is rooted in the value of social justice, which seeks to advocate alongside, and on behalf of, carers and service users and which values both individual relationship-based practice and also collective approaches;

ii) To challenge the domination of social work and social care services by managerialist perspectives and practices which prioritise budgets, targets and outcomes over the needs of the people who use these services;

iii) To bring together practitioners, students, carers, service users and academics through regular conferences and campaigning activities in support of the above objectives, and to strengthen the radical voice within social work practice, education and wider social policy debates;

iv) To work alongside existing social work, social care and carer and service user organisations, including UNISON and BASW, to promote strong collective organisation and, wherever possible, to campaign jointly around specific issues.
3. Membership

Membership of SWAN shall be open to social work and social care students, academics, carers and service users, and to anyone working in the field of social work and social care who supports the aims of SWAN (as outlined in section 2 above) and who pays an annual membership fee to be agreed at annual conference.

The annual fee shall be agreed each year at national conference. For the period September 2009 to September 2010 the membership fee is £10. The fee for students and service users is £5. Asylum seekers are eligible to free membership.
4. SWAN structure and organization

SWAN is a democratic, grass-roots, membership-controlled organization, which aims to support and promote both local and national initiatives, in line with SWAN’s aims as outlined in section 2 above. As a matter of both principle and resource considerations, any additional layers of organization should be kept to a minimum.

SWAN is committed to the principles of anti-oppressive social work and, therefore, membership of far-right, Nazi organizations like the BNP is incompatible with membership of SWAN.
5. Conference

i) Annual conference is the sovereign body of SWAN, where policies are debated and agreed upon, and where elections take place.

ii) A national steering committee of 12 people will be elected each year by SWAN Supporters at conference and will be accountable to conference.

(…)

Die Unruhen in den britischen Städten gingen von „antisozialen“ Menschen aus?

Ein typisches Beispiel von der Individualisierung/Psychologisierung Sozialer Probleme… das neoliberale Weltbild läßt grüßen:
Vgl. Telepolis: http://www.heise.de/tp/artikel/35/35881/1.html

vgl. zu den Unruhen auch einen Blog-Beitrag von Prof Mechthild Seithe: http://zukunftswerkstatt-soziale-arbeit.de/2011/08/10/krawalle-der-ausgegrenzten/

Das Individuum im neoliberalen Weltbild

Es sei betont, dass es nicht den einen
„Neoliberalismus“ gibt. Insofern ist auch folgende Skizzierung der „typischen“
Rolle des Individuums im neoliberalen Weltbild schematisierend.
Das neoliberale Menschenbild ist dem Individualismus verpflichtet, bei dem „weder
der Staat noch die Gesellschaft eine höhere eigenständige Funktion hat“ (vgl.
Willke, 2003, S.91). Der einzelne Mensch wird als für sich und seine Situation als
voll verantwortlich – als Leistungsträger – gesehen, ganz nach dem Motto: „Jeder
ist seines Glückes Schmied“. Eine besondere Gewichtung liegt auf den Eigentums-
und Freiheitsrechten (Staub-Bernasconi 2007, S.30). Menschen werden
9
vorrangig am „Tauschwert“ auf dem Arbeitsmarkt beurteilt (Butterwegge 2008,
S.167), als „Sozialkapital“ gesehen (Staub-Bernasconi 2007, S.28) und letztlich
werden alle privaten zwischenmenschlichen Beziehungen als Tauschverhältnisse
gesehen (vgl. z.B. Ptak 2008, S.30).
Nach dem neoliberalen Bild wird dem Individuum zugestanden, nicht ohne
Gesellschaft lebensfähig zu sein, dennoch hat die Gesellschaft keinen Eigenwert
(Willke 2003, S.94). Darum kann das „neoliberale Paradigma“ als ein
atomistisches Paradigma (nach Staub-Bernasconi 2002, S.246ff) gesehen
werden. Soziale Probleme sind hier überwiegend als Selbstverwirklichungs-,
Selbstvermarktungs- oder Motivationsprobleme zu sehen (vgl. Staub-Bernasconi
2007, S.182). Entsprechend sind zum Abbau bzw. zur Verhinderung sozialer
Probleme nicht strukturbezogene Interventionen eine Lösung oder ein Teil der
Lösung, sondern auf das Individuum fokussierte Methoden (vgl. Staub-Bernasconi
2007, S.34). (Auszug: Der disziplinierende Staat.
Eine kritische Auseinandersetzung mit 100%-Sanktionen bei
Arbeitslosengeld II-Empfängern aus der Sicht der Sozialen Arbeit
und der Menschenrechte).

N.G.

Flashmob in München zu Resettlement / Hintergrundbericht zur Flüchtlingsaufnahme

Der Münchner Flüchtlingsrat berichtet auf ihrer Homepage:

„Wer am Samstagmorgen um fünf vor Zwölf am Richard Strauß Brunnen vorbei kam, war mit einer sonderbaren Szene konfrontiert: Eine Gruppe von etwa 50 Münchner Bürgern hatte sich dort versammelt, bestückt mit Rettungsringen, Schwimmflügeln, Wasserbällen, Schwimmnudeln, Holzbrettern und anderen Utensilien. Jeder von ihnen hielt ein Schild in die Höhe, auf dem save me – rette mich – stand. Spätestens, als sich fünf Personen in schwarzen T-Shirts mit dem Schriftzug Frontex von der Menge absonderten und sie mit einem rot-weiß gestreiften Absperrband einkesselte, war klar, worum es der Gruppe ging. Frontex, die europäische Grenzschutzagentur, hält Flüchtlinge an den Außengrenzen der Europäischen Union davon ab, zu uns zu kommen. Die EU schottet sich immer weiter ab. Dabei spielen sich nicht selten Dramen ab, vor allem auf dem Mittelmeer. Um auf die Notwendigkeit hinzuweisen Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen, haben sich in München und Berlin Bürger zu einem Flashmob versammelt.

Die save me Kampagne, ein Bündnis verschiedener Organisationen, Wohlfahrtsverbände, Kirchen… fordert schon lange, dass Deutschland auf regelmäßiger Basis Flüchtlinge aufnimmt. Unter anderem nehmen USA, Australien, Schweden, Frankreich und Großbritannien jährlich Flüchtlingskontingente über das Resettlement-Programm der Vereinten Nationen auf. Deutschland ist bisher leider noch nicht dabei und beschränkt sich lediglich auf Ad Hoc–Aufnahmen.  (…)

Dass das Konzept aufgeht, wird am Samstagmorgen schnell deutlich. Viele Leute bleiben stehen, beobachten die Szene, fragen nach und fangen an zu diskutieren. Die 300 mitgebrachten Flyer und Infoblätter sind nach einer Viertelstunde alle weg.“

 

Zum Hintergrund (von N.G., 2010):

Die gezielte Flüchtlingsaufnahme

am Beispiel der Kindertransporte nach Großbritannien 1938/1939

und der Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland im Rahmen von „Resettlement“ im 21. Jahrhundert

Die gezielte Aufnahme von Flüchtlingen

Eine Besonderheit in der Geschichte stellen die Kindertransporte dar. Hier wurde durch aktive Fluchthilfe jüdischen Kindern die Flucht aus dem Deutschen Reich nach Großbritannien ermöglicht.

Auch heute existieren international organisierte Schutzprogramme im Rahmen des Resettlements, allerdings mit dem Unterschied, dass nur Personen die Weiterwanderung ermöglicht wird, die bereits Flüchtlinge sind und in einem Drittstaat leben.

 

Die Kindertransporte 

1938/1939 wurde etwa 10.000 jüdischen Kindern und Jugendlichen die Flucht aus Deutschland ohne ihre Eltern nach Großbritannien ermöglicht. Von diesen Kindern haben nur wenige Ihre Eltern wieder sehen können. Das englische Kabinett beschloss im November 1939 die Aufnahme einer unspezifischen Zahl von jüdischen Kindern. Als einzige Bedingung für ein Visum mussten pro Kind 50 Pfund aufgebracht werden. Bei der damals noch existierenden Reichsvertretung der Juden konnten Eltern ihre Kinder für die Ausreise registrieren lassen. Prioritär sollten Kinder in Sicherheit gebracht werden, deren Eltern bereits von Nazis verhaftet worden sind.

Nach dem 2. Weltkrieg, als sich abzeichnete, dass die meisten Kinder ihre Eltern verloren hatten, schuf das britische Innenministerium die Möglichkeit in einem vereinfachten Verfahren die britische Staatsangehörigkeit anzunehmen.[1]

Zunächst wurden die ankommenden Kinder in einem leer stehenden Ferienlager aufgenommen. Durch die Presse hatten sich rasch Familien bereit erklärt Kinder aufzunehmen. Die anderen Kinder wurden auf unterschiedliche Heime verteilt. Unterschiedliche Organisationen beschäftigten sich mit den Themengebieten „Gesundheit“, „Ausbildung“, „Religion“ etc.  Es wird berichtet (vgl. z.B. Göpfert 1998)[2], dass viele Kinder darunter litten in einem fremden Land mit einer Ihnen zunächst fremden Kultur aufzuwachsen. Für manche wäre es schwierig gewesen sich nicht über ihre Lage beklagen zu dürfen, da sie ins sichere England haben fliehen dürfen. Die Pflegeeltern wären oft überfordert gewesen.

 

Resettlement – weltweit

Die Aufnahme der Kinderflüchtlinge durch Großbritannien, können  als Vorläufer der heutigen „Resettlement-Programme“ (Weiterwanderungsprogramme) des UNHCR gesehen werden.

Mehrere Länder (u.a. Australien, Burkina Faso, USA, Niederlande, Schweden, Dänemark, Norwegen) haben sich bereit erklärt, jährlich ein bestimmtes Kontingent von besonders schutzbedürftigen  Flüchtlingsgruppen aus Krisenregionen aufzunehmen. Prioritär wird als dauerhafte Lösung für Flüchtlinge die freiwillige Rückkehr in ihr Heimatland oder die Integration im Fluchtland ermöglicht. Dies ist jedoch nicht in allen Fällen realisierbar.  Resettlement ist die sogenannte „Dritte Lösung“ die vom UNHCR als Zeichen der internationalen Solidarität sowie als Instrument der Lastenverteilung gesehen wird.

Zur Erinnerung: Die meisten Flüchtlinge halten sich in der Nähe ihrer Herkunftsländer aus, die umliegenden Regionen sind oftmals mit der Flüchtlingssituation überfordert  (Bsp. Kenia (2010) mit ca. 300.000 somalischen Flüchtlingen, Guinea/Conakry (2003) mit ca. 700.000 Flüchtlingen bei einer Einwohnerzahl von 7 Millionen, Syrien (2008) mit ca. 2 Mio. Flüchtlingen aus dem Irak etc.).

Resettlement wird insbesondere für besonders schutzbedürftige, vulnerable und/oder akut gefährdete Flüchtlinge realisiert. Typische Personengruppen sind z.B. Opfer von Folter, Kinder und Jugendliche, Personen die medizinische Probleme haben, die im Asylland nicht behandelt werden können, alleinstehende Frauen mit Kinder, Personen die im Asylland verfolgt werden etc.

 

Resettlement in Deutschland

2006 nahm Deutschland 14 usbekische Flüchtlinge auf, die nach den Massakern in Andijan (Usbekistan) nach Kirgistan fliehen mussten. Entgegen dem „non-refoulement“-Gebot, welches die Abweisung und Rückschiebung von Genfer-Konventionsflüchtlingen verbietet, hatte Kirgistan Flüchtlinge an der Grenze abgewiesen und eine Rückschiebung geplant. Darüber hinaus verfolgten usbekische Behörden die Zivilisten über die Grenzen hinaus, so dass der UNHCR für knapp 450 Personen als einzige Lösung die Weiterwanderung sah. [3]

Deutschland hat sich 2009 erstmals seit dem an einem groß angelegten Resettlementprogramm beteiligt. Es wurden einmalig 2500 irakische Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen.

2010 gibt es eine Debatte bezüglich der Aufnahme einer zweistelligen Zahl verfolgter iranischer Staatsbürger.

Als Kontingentflüchtlinge wurden vor dem Jahre 2000 sog. „boat-people“ (zumeist vietnamesischer Herkunft) sowie Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Bundesrepublik aufgenommen.

Nach Einschätzung des Autors wird das „Instrument“ des Resettlements in den nächsten Jahren in Europa wie in Deutschland an Bedeutung gewinnen.

2009 ermöglichte UNHCR weltweit die Weiterwanderung von 66.000 Flüchtlingen.

N. G.

(Der Autor war in Guinea/Conakry und Senegal bei der Umsetzung von Resettlement beteiligt)

 

Weiterführende Literatur

  • Göpfert, Rebecca : Kindertransporte,  in: Woge e.V. (1999): „Handbuch der Sozialen Arbeit mit Kinderflüchtlingen“. Votum Verlag GmbH: München.
  • Salewsky, Anda: Der olle Hitler soll sterben (2001), Claassen Verlag.

 

Internet:

www.kindertransporte.de

http://www.ajr.org.uk/kindertransport

http://www.kindertransport.org/

http://www.save-me-muenchen.de/kampagne.html

 

http://www.unhcr.org/4ac0873d6.html

 

 

 


[2] Göpfert, S. 217 ff.

[3] UNHCR (2006): Réfugiés. Numéro 143. L`après Andijan, S.14 ff.